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Primärliteratur

   QUELLENTEXT
Titel Erfurt, Rathaus: eine Frau im Amt
a.d. Reihe Zum 35. Jahrestag der DDR: Schriftsteller porträtieren Zeitgenossen
Autor Harry Thürk
Publikation Neues Deutschland, 28./29.04.1984; "Im Blickpunkt", S. 9
Quelle Verlagsarchiv Neues Deutschland, Alt Stralau 1-2, 10245 Berlin
   
Textart Reflektion, Porträt, Volltext
Anlass, Thema Porträt Rosemarie Seiberts in einer Reihe zum 35. Jahrestag der DDR
Textstruktur 7 Spalten mit Trennlinie, 8 Punkt mit Serifen, Blocksatz mit Vorschub, 4 s/w-Bilder.
Zum 35. Jahrestag der DDR: Schriftsteller porträtieren Zeitgenossen


Rosemarie Seibert, Oberbürgermeisterin von Erfurt
Fotos: ND/Rother


Harry Thürk

Erfurt, Rathaus:
eine Frau im Amt

 

 

Es ist jetzt runde dreißig Jahre her, daß wir uns kenen. Wir rufen uns das nicht besonders in Erinnerung, wohl weil es so alltäglich war, was uns seinerzeit erstmals zusammenbrachte: Wir arbeiteten beide im Jugendverband. Rosi Seibert, die zu jener Zeit noch ihren Mädchennamen führte, war gerade 1. Sekretär der FDJ in Weimar geworden, und ich, dessen erster Roman gedruckt wurde, tat als Leiter eines Jugendklubhauses gesellschaftlich nütziche Arbeit, für einen jungen Schriftsteller übrigens die beste Möglichkeit, seinen Lebensunteralt neben der geliebten, aber eben noch in den Anfängen beindlichen Schreiberei selbst zu bestreiten. Warum ich heute auf Rosi Seibert zu sprechen komme: Sie ist eine Frau, die von jung auf immer sich selbst zu hundert Proent dafür einsetzte, unserem Land zu dienen. Das macht sie für mich interessant, zumal sie nun, nach langen Jahren politischer Praxis, ein öffentliches Amt in einer Kommune bekleidet, die Geschicke einer Großstadt lenkt, als Oberbürgermeister.

Die Freude, geistig gefordert zu werden

Sie scheint mit Energie geradezu aufgeladen zu sein, diese Rosemarie Seibert, die ihr seit achtzehn Monaten neues Amt mit dem gleichen Engagement wie frühere Funktionen ausübt. Als ich sie im Erfurter Rathaus besuche, empfängt sie mich lachend, sie freut sich, mich wieder einmal zu sehen, nimmt ein bißchen zuückhaltend zur Kenntnis, daß ich über sie schreiben will, dann fällt ihr ein, daß sie sich noch kämmen wollte. Sie bändigt ihre in der Ratssitzung etwas durcheinandereratene blonde Mähne, sie weiß nicht, daß sie mich damit an den Dichter Kuba erinnert, den ich als junger Reporter einmal in der Maxhütte interviewte, und der sich auch zuvor kämmte. Nur daß er sich dazu meinen Kamm lieh. Rosi hat einen eigenen. Als wir sitzen, überlegt sie: „Wenn ich so zurückdenke - wir haben eigentich ganz schön was auf dem Buckel, an Jahren, und überhaupt...“ Sie vertieft den Gedanken nicht. Zu ihrem Charakter paßt, daß sie sich freut, erneut gefordert zu sein, daß man ihr Verantwortung übertrug und sie Ideen entwickeln muß, daß man ihr nicht Repräsentantengehabe abverlangt, sondern die geistige Führung jenes Kollektivs, das der Rat ist und von dem in hohem Maße abhängt, ob die Bürger sich in den Mauern der Stadt wohl fühlen, ob sie das Gefühl haben, eine bürgernahe Verwaltung unternehme alles, um das Leben mit jedem Jahr lebenswerter, reicher, ausgefüllter zu machen.

Festzuhalten: Rosi Seibert redet kein Wort über die Mann-Frau-Problematik, sie weiß, daß es die Gesellschaftsordnung ist, die an erster Steile über die mögliche Rolle der Frau im öffentlichen Leben entscheidet, und die persönliche Initiative an zweiter. Ich vermute, sie hatte kaum jemals Probleme mit der Emanzipation, sie hat vom verbrieften Bürgerrecht der Gleichheit der Frau in unserem Lande entschlossen Gebrauch gemacht, sie erwartet, daß andere nicht weniger zaghaft sind.

Wie sie so geworden ist, frage ich. Ihre Antwort: „Wir alle waren jung, wir hatten das Glück, uns den Platz im Leben selbst suchen zu können, weil die neue Gesellschaft das begünstigte. Ich habe die Chance genutzt, so war das mit dem ‚Werden‘.“

Daran gewöhnt, für andere dazusein

Ein Jahr nach der Befreiung vom Faschismus begann für Rosi das Berufsleben. Nachdem sie schon während ihrer Schulzeit Verantwortung für drei jüngere Geschwister hatte mittragen müssen, arbeitete sie nun in einer Fabrik, die vorerst in Privatbesitz verblieb. Rosi Seibert wurde, nachdem sie der Antifa-Jugend angehörte, Mitglied der 1946 gegründeten FDJ, und sie übernahm die Funktion der Jugendsprecherin im Kreisvorstand des FDGB. „Eine Menge Freunde bekamen den Mund nicht auf, wenn sie sagen sollten, was sie bewegte – nun, ich bekam ihn auf. Deshalb!“




Die Oberbürgermeisterin vor Ort im Rekonstruktionsgebiet Große Arche mit Gerhard Schade (links), Werner Bierschenk und Dieter Riethmüller

 

Noch immer liebt sie es, die Dinge möglichst einfach darzustellen. Ihr politisches Engagement von damals wertet sie heute als Ergebnis verschiedener Faktoren. Da war zunächst die aus der Kinderzeit hergebrachte Gewohnheit, für ihre jüngeren Brüder dazusein, da war das durch die Mutter, eine Metallarbeiterin, noch während des zweiten Weltkrieges geförderte Verständris für die Zeit, den Krieg, seine Ursachen, und da war, nicht zuletzt, der anspornende Einfluß von älteren Kommunisten und Sozialdemokraten im Betrieb auf das junge Mädchen. Sie lernte in politischen Kategorien zu denken, ein Weltbild reifte in ihr, sie trat für andere ein, als es um die Grundrechte der jungen Generation ging, und sie riß andere mit, weil es galt, das Modell eines neuen deutschen Staates zu schaffen, der letztlich dem sozialistischen Ideal entsprechen sollte. So wurde der Lebenslauf des jungen Mädchens Rosi nicht zufällig zu einer sehr politischen Angelegenheit. Es gab keine Selbstzerfleischung im Leben der heutigen Oberbürgermeisterin, keine quälenden Fragen, die sie insgeheim mit sich herumgeschleppt hätte - das lag nicht in ihrem Temperament, nein, war ihr etwas nicht klar, bat sie um Aufklärung, gefiel ihr etwas nicht, so sagte sie es. Eine ihrer erkennbaren Stärken bis heute: Sie braucht das Kollektiv um sich herum, und zwar zu dem, was manche Leute gern Selbstverwirklichung nennen - das nämlich gibt es für sie nur in der Gemeinschaft und durch diese. (Eine Entdeckung, die ich gern öfter machen würde, und bei jüngeren Zeitgenossen.)

Wollte man alle weiteren Stationen im Leben der Oberbürgermeisterin aufzählen, so brauchte man, obgleich es schon interessant wäre, eine Menge Papier. Deshalb erwähne ich nur einige, die sie besonders stark zu dem machten, was sie heute ist, nämlich eine ebenso resolute wie nachdenkliche, stets die Übersicht behaltende, impulsive und gleichzeitig mitfühlende, eine unermüdliche, keinem Problem ausweichende und kaum durch Schwierigkeiten zu entmutigende Frau. („Paß auf, daß da kein Loblied draus wird!“ warnt sie an dieser Stelle.)

Es kam das III. Parlament der Jugend, an dem Rosi Seibert teilnahm. Danach, weil ihre Aktivität nicht unbemerkt blieb, machte der Verband ihr den Vorschlag, sich hauptamtlich der politischen Jugendarbeit zu widmen. Rosi sagte ja. Ihre erste Aufgabe nach viermonatiger Schulung war – für so manchen Tramper, Camper, Sanatoriumsgast mag das wie „eine jener Geschichten aus der Gründerzeit“ klingen –, vorbildlichen jungen Arbeitern als Anerkennung für ihre Leistungen einen zweiwöchigen Erholungsurlaub in einer der soeben eingerichteten Jugendherbergen zu organisieren. Bei voller Verpflegung! Da es nicht ausbleiben wird, daß sich mancher Leser hier Gedanken über Wandelbarkeit und Wachstumstempo von Ansprüchen an das Leben macht, will ich einflechten, daß Leute wie Rosi damals eine eher lakonische Bezeichnung dafür gefunden hatten, sie nannten das, was da getan wurde, „planmäßige Verbesserung der Lebenshaltung“, ein Terminus, der in die Geschichte der DDR eingegangen ist.

Glück als kollektives Geschenk aufgefaßt

Für Rosi Seibert folgten acht Jahre hauptamtlicher Tätigkeit in der FDJ, bis zur Leitungsarbeit im Bezirksverband Erfurt, in der Kreisleitung Weimar, als 1. Sekretär. Das war harte Arbeit für ein Mädchen in den Zwanzigern, denn dazwischen gab es noch ein Jahr Jugendhochschuie, es gab die extern absolvierte Qualifikation als Unterstufenlehrer, das Studium mit dem Abschlußdiplom des Gesellschaftswissenschaftlers – ich habe Mädchen gekannt, die es sich einfacher machten, deshalb meine Frage, was sie motivierte. Sie überlegt nicht lange. „Es gab in diesen Jahren so viele junge Leute, die gar nicht so recht wußten, wohin sie überhaupt wollten. Sie mußte man doch mitnehmen...“

Sie verstand sich nie, das wird mir klar, als Betrachter, sie war immer Mitgestalter. Und sie sagt selbst, daß sie Glück hatte. Worin das bestand? „Ich hatte nie Kleinmütige an meiner Seite, Verzagte. Es waren immer auch Leute, die von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt waren, wie ich selbst.“

Wie man sieht, kann die Vorstellung von Glück sehr unterschiedlich sein. Für Rosi Seibert jedenfalls war das nie eine subjektive Angelegenheit, sondern eher ein kollektives Geschenk.

„Träume?“ will ich von ihr wissen. Man hat sie, in jungen Jahren. Manche erfüllen sich, andere nicht. Die Rosi überlegt. Stimmt mir zu. Manche, ja. „Ökonomie zu studieren, das hat mich immer gereizt, auch Jura. Hat nicht geklappt. Der Wunsch, Lehrer zu werden, war auch vorhanden, er ließ sich erfüllen. 1959 holte mich die Partei als Lehrer an die Bezirksparteischule.“

Ich habe Mühe, nachzukommen. Das menschliche Leben ist reich an Ereignissen, Stationen. Natürlich, aus dem jungen Mädchen ist längst eine Frau geworden. Mann und zwei Kinder sind da – eine Familie. Rosis politischer Weg hatte sie, was allzu logisch war, längst in die Reihen der Partei geführt.

Geholfen hat ihr bei ihrem rastlosen politischen Engagement am meisten, daß ihr Ehepartner, der heutige 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Erfurt-Land, von jung auf ebenso tief in der politischen Arbeit steckte wie sie. Was Rosi Seibert mir zur Antwort gibt, als ich sie danach befrage, wie sie es geschafft hat, trotz aller beruflichen Belastungen zwei Kinder zu erziehen, die heute verläßliche Sozialisten sind, das gibt zusätzlichen Stoff zum Nachdenken: „Ich glaube, wenn die absolute Ehrlichkeit des politischen Engagements der Eltern sich innerhalb der Familie ungebrochen fortsetzt, kann sie ihre Vorbildwirkung auf die Kinder kaum verfehlen, schon gar nicht, wenn dazu noch geduldiges Eingehen auf die Jungen kommt, eine Großzügigkeit auch, die es nicht nötig hat, das Prinzip in Frage zu stellen.“

Zeit ist vergangen, nicht nur im Leben der politisch erfahrenen Frau, auch in meinem Gespräch mit ihr. Draußen tauchen die bunten Fassaden der Häuser um den Fischmarkt unaufhaltsam ins Dunkel. Erfurt – etwa um die Mitte des 8. Jahrhunderts zum erstenmal urkundlich erwähnt, gab es als Siedlungsgebiet, wie Ausgrabungen ergaben, schon mehrere tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung. Später ein Marktflecken, am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsstraßen aufgeblüht, zur Stadt geworden, voller Tradition, Stätte geschichtlicher Ereignisse, wie etwa des Parteitages im Jahre 1891, der mit dem Beschluß „Erfurter Programm“ die Durchsetzung der marxistischen Theorie als Leitfaden der Arbeiterbewegung bewirkte. Doch die Stadt mit ihren heute 214 000 Einwohnern ist nicht nur geschichtsträchtig, sie ist auch schön, sie hat Atmosphäre, sie zeigt ihren Gartenbau ebensogern vor wie die hier produzierte Mikroelektronik, die Büromaschinen, ihre Bürger wandern durch einen Zoopark oder durch die Anlagen der Internationalen Gartenbauausstellung , sie arbeiten an der Herstellung von Pressen und Scheren, die in alle Welt gehen, oder am Bau von Wohnungen, sie kaufen in den Läden um die moderne Fußgängerzone am Anger ein, oder sie stöbern in den Antiquitätenlädchen an der idyllischen, nach dem Vorbild aus dem frühen 14. Jahrhundert liebevoll rekonstruierten Krämerbrücke, einen Steinwurf vom Rathaus entfernt, in das Rosemarie Seibert als Oberbürgermeister einzog, im Oktober 1982, aus der Parteiarbeit in der Stadtleitung der SED kommend.

Ich will aus allem, was die Frau Oberbürgermeister mir über die Pläne erzählt, die Erfurts Bedeutung als politisches, ökonomisches und eines der geistig-kulturellen Zentren des Bezirks weiter vertiefen sollen, möglichst viel über ihre Persönlichkeit erfahren, weil ich glaube, daß ein Kollektiv wie der Rat der Stadt sehr wesentlich motiviert und in seinen Leistungen bestimmt wird durch den Leiter. Der hat nicht nur den umfassendsten Überblick, sondern auch die letzte Verantwortung für das Funktionieren, die Lebendigkeit, den Einfallsreichtum und das Durchsetzungsvermögen des gesamten Kollektivs. Sozialistische Kommunalpolitik ist nicht „res obscura“, sie wird nicht insgeheim hinter verschlossenen Türen gemacht. Sie ist vielmehr „res publica“, eine Sache, die für die Öffentlichkeit durchschaubar, für jeden Bürger in ihrem Konzept begreifbar und beeinflußbar gemacht werden muß. Wo das nicht geschieht, hat der Bürger das Nachsehen, und die kommunale Demokratie ist gestört.

Das alles weiß Rosi Seibert, denn sie postuliert: „Wir haben zuallererst dafür zu sorgen, daß Erfurt seine politischen und wirtschaftlichen Planaufgaben erfüllt und einen kontinuierlichen Leistungsanstieg schafft. Aber dabei handelt es sich zusammen mit den sozialen Aufgaben eben um einen Komplex. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, eins ist abhängig vom anderen, eins bedingt das andere. Und nichts ist ohne das Mitdenken und die Mitarbeit aller Werktätigen zu realisieren.“ Sie fügt an, es sei für sie von entscheidender Bedeutung, daß der Erfurter Bürger, der fleißig und verantwortungsbewußt für den Sozialismus arbeitet, sich nicht nur an seinem jeweiligen Arbeitsplatz, sondern gerade auch in seinem privaten Lebensbereich, seiner Wohnung, der Atmosphäre die ihn umgibt, wohl fühlt, daß er aus diesem Gefühl des Wohlbefindens Impulse für den neuen Arbeitstag gewinnt. Damit ist die Vielschichtigkeit der kommunalpolitischen Arbeit zumindest angedeutet.

 
Der Autor

   Harry Thürk, Jahrgang 1927, begann als Journalist und war mehrere Jahre als Berater in der Volksrepublik China tätig. Ersten literarischen Arbeiten wie „Die Herren des Salzes“ (1956) über Menschen im Kalibergbau folgte der in mehrere Sprachen übersetzte Roman „Die Stunde der toten Augen“, in dem das ausweglose Schicksal faschistischer Soldaten des zweiten Weltkrieges gestaltet ist. Thürk wandte sich zunehmend aktuell-politischen, militärischen und historischen Vorgängen im fernöstlichen Raum zu, wohin ihn auch mehrere Reisen führten. Zahlreiche Romane und literarisch aufbereitete Dokumentationen behandeln neben dem Kampf asiatischer Befreiungsbewegungen auch die USA-Aggression in Vietnam („Der Tod und der Regen“). Stark beachtet wurde sein Roman „Der Gaukler“ über die Praktiken imperialistischer Geheimdienste beim Aufbau sogenannter „Dissidenten“. Für den DEFA-Klassiker „For eyes only“ und den Spielfilm „Die gefrorenen Blitze“ schrieb Harry Thürk gemeinsam mit Janos Veiczi das Drehbuch. Er machte sich darüber hinaus als Autor von Fernsehfilmen und -serien einen Namen, in denen spannungsvoll über die Arbeit unserer Sicherheitsorgane berichtet wird. Harry Thürk erhielt zweimal den Nationalpreis.



„Mein Stammtisch: Treffs mit Bürgern“

Rosi Seibert gesteht mir: „Ich habe bei Übernahme der Funktion noch nicht gewußt, wie kompliziert manche Prozesse im Kommunalwesen sind. Aber ... wenn man mit der richtigen politischen Grundhaltung an eine Sache herangeht, bekommt man sie auch in den Griff.“ Zur richtigen politischen Grundhaltung gehört für die Erfurter Oberbürgermeisterin vor allem, daß sie nicht selbstherrlich entscheidet, nicht nur auf den Rat der Fachleute hört, sondern ihn regelrecht organisiert. Sie sorgt dafür, daß ihr Kontakt zu Arbeitern, Intellektuellen, Künstlern, zu den Bürgern der Stadt nicht abreißt. Als Mitglied des Sekretariats der SED-Stadtleitung Erfurt ist sie überdies stets auf der Höhe der Erfordernisse des Tages. Ich erinnere sie an die alte Einrichtung des Stammtisches, an dem in der bürgerlichen Gesellschaft so oft die Stadtoberhäupter mit den „Honoratioren“ zusammenzusitzen pflegten, mit dem Anwalt, dem Apotheker, dem Fabrikanten und dem Herrn Doktor. „Mein Stammtisch“, so sagt die Genossin Seibert lakonisch dazu, „das sind die regelmäßigen Aussprachen mit den Bürgern, die Beratungen über Schwerpunktfragen und Perspektivprobleme, die Treffpunkte mit Schichtarbeitern, ja auch die Auszeichnung verdienter Werktätiger durch den Rat der Stadt gehört dazu.“

Vertrauensvolle Dienstagsdialoge

Wenn in der 3-Raum-Wohnung der Seiberts (Großeltern inzwischen!) am Gagarin-Ring am Morgen der Wecker klingelt, ist es zwischen 5 Uhr und 5 Uhr 30 und da fängt der Tag an. Rosi Seibert liest, bevor sie mit ihrem Mann zusammen frühstückt, täglich etwa ein Dutzend persönlicher Briefe und Eingaben, versieht sie mit Entscheidungsvermerken oder skizziert die Antworten – sie arbeitet gewissermaßen vor, um gegen 7 Uhr, wenn sie das Rathaus betritt, noch eine halbe Stunde Vorbereitungszeit für die laufende Tagesarbeit zu behalten. Um 7 Uhr 30, wenn der Dienst im Rat der Stadt beginnt, läuft nicht selten schon die erste Beratung an. Grundsatzfragen und Probleme lassen sich, so meint die Genossin Seibert, am besten morgens klären, wenn man noch ganz frisch ist. Das muß durchaus nicht immer im Rathaus stattfinden. Zum Arbeitsstil der Oberbürgermeisterin gehört es, wie sie sagt: „... notwendige Entscheidungen möglichst unmittelbar vor Ort zu treffen, auch die Durchsetzung dort zu kontrollieren, und zwar nach gründlicher Vorarbeit durch Fachorgane und unter Hinzuziehung von betroffenen Arbeitskollegen, Leitern, Abgeordneten.“

Das hört sich fast wie eine Selbstverständlichkeit an, es ist aber bei weitem noch keine, denn nicht überall wird so verfahren. Meine Gesprächspartnerin würde von sich aus nicht auf die Idee kommen zu sagen, ihr Arbeitsstil sei die Summe von drei Jahrzehnten politischer Erfahrungen beim Aufbau der DDR, aber das ist natürlich so. Man merkt das auch, wenn die Oberbürgermeisterin etwa über den Dienstag erzählt, den Sprechtag. Er ist keine ,Abfertigung von Bittstellern‘, keineswegs, es handelt sich vielmehr um vertrauensvolle Gespräche, die nicht selten eine ganze Stunde dauern. Gewiß werden persönliche Anliegen vorgebracht, teilt mir die Oberbürgermeisterin mit, und die Skala der dabei zu behandelnden Probleme reicht von Wohnungssorgen über Erziehungsfragen bis zur öffentlichen Sicherheit und Ordnung oder der Stadtgestaltung, wobei ein achtbarer Teil der Sprechstundenbesucher eben weniger mit einem persönlichen Anliegen kommt, sondern mit einem konkreten Vorschlag zur Verbesserung der kommunalen Demokratie. Daß die Methode des regelmäßigen Dialogs mit den Bürgern Erfolg bringt, beweist die Aufrechnung von 1983, da wurden von etwa dreitausend Eingaben immerhin 66 Prozent mit den Betroffenen direkt geklärt.

Doch diese Oberbürgermeisterin beläßt es eben nicht dabei, im Rathaus zu sitzen und darauf zu warten, daß jemand sie aufsucht. Rosi Seiberts Stärke war das Sitzen ohnehin nie. Sie macht regelmäßig ihre Arbeitsbesuche in Großbetrieben oder an anderen Schwerpunkten, um dort herangereifte Probleme an Ort und Stelle mit den unmittelbar betroffenen Werktätigen zu beraten. Erzählt sie mir von einer solchen Aktion: „Ein paar Tage ist es her. Es ging darum zu überlegen, wie der bisher gute Ruf der Erfurter Verkehrsbetriebe weiter auszubauen ist, indem Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Fahrplantreue bei der Beförderung der Werktätigen zur Arbeit und heimwärts, aber auch zu Freizeitzielen erhöht werden. Das ist ein Stück Lebensqualität! Und dazu gehört auch, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitarbeiter in den Verkehrsbetrieben selbst verbessert werden.“ Als sie mir Einzelheiten der Arbeitsberatung schildert, merke ich, daß sie den alten Spruch von dem, der klüger aus dem Rathaus herauskommt, als er hineingegangen ist, einfach umdreht: Jemand kann durchaus (um viele überlegenswerte Anregungen) klüger sein, wenn er (nach einer Beratung mit Werktätigen) ins Rathaus hineingeht: selbst der Oberbürgermeister!

Eine Frage habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben, die nach dem Gesicht der Stadt, das sich in den vergangenen Jahren sehr zu seinem Vorteil verändert hat, Farbe gewann. Doch es geht nicht in erster Linie um schöne Fassaden, es geht um das Wohnen der Bürger, um die unmittelbare Umgebung, in der sie leben. Die Oberbürgermeisterin hat mir ihren Arbeitsalltag geschildert, auf das Wohnen, das Bauen, das Aussehen der Stadt kommen wir, als ich mich erkundige, was sie am Sonntag tut. Da erzählt sie mir von Theater, Konzert, dem Zusammensein mit Kindern, Enkeln, Freunden, auch vom Buch eines Erfurter Autors, gelegentlich, weil sie die Künstler der Stadt nicht aus den Augen verlieren will – dies alles vergesse ich, als sie beinahe am Rande bemerkt, sie spaziere oft an Sonntagen mit ihrem Mann gemeinsam durch die Stadt, um alles zu sehen, das Alte, das Neue, die Erfolge, aber auch die Aufgaben, die es noch gibt. Selbststudium vor Ort: Obzwar heute schon fast jeder zweite Erfurter in einer nach 1945 entstandenen Wohnung lebt, obzwar an den Stadträndern, vor allem im Norden, eindrucksvolle neue Wohngebiete entstanden, ist die Wohnungsfrage noch nicht restlos gelöst. Vor allem aber stellen sich neue Fragen. Im Grunde geht es heute um eine ökonomisch vernünftige und kommunalpolitisch sinnvolle Balance zwischen großflächiger Neubebauung und ebenso mühe- wie liebevoller Erhaltung oder Rekonstruktion der Altbausubstanz im Stadtkern.

Hoch im Kurs: Leute mit Ideen und Elan

1976 wurde mit der Neugestaltung des Angers die komplexe Innenstadtsanierung in Erfurt begonnen. Ein Ende ist noch nicht abzusehen, obwohl es heute schon so beachtliche Ergebnisse gibt wie die Rekonstruktion der Krämerbrücke, des Fischmarktes und anderes: Da warten mehr als 250 Altbauten darauf, zu Wohnhäusern oder Läden zu werden, traditionsreiche Restaurants, Kirchen, Universitätsgebäude wollen ebenso rekonstruiert sein wie der berühmte Domplatz, die Leninstraße oder das Stadtgebiet „Arche“, unweit des Rathauses, wo sich das Auge des Touristen eines Tages wieder an den alten Fachwerkbauten erfreuen soll – aber auch der Bewohner an seiner modernen Küche und Dusche. „Das gibt es zu beachten“, meint die Genossin Seibert, „ein Problem hat immer mehrere Seiten, es darf nicht in Husch-husch-Manier angefaßt werden, damit löst man nichts, nein, es müssen viele Fachkundige, Planer und Grübler, Leute mit Ideen sich mühen, um es in seiner Komplexität langfristig befriedigend zu packen!“

Die resolute, gleichzeitig aber recht bedächtige Frau schärft mir ein: „Wir haben uns hohe Ziele gesteckt, und wir sind zuversichtlich, denn wir haben erfahrene Fachleute, die hervorragend arbeiten, bis hin zu den Neuerern bei den Sanierungsbrigaden. Aber wir werden das alles in den nächsten Jahren nur dann schaffen, wenn wir weiterhin konsequent die Wirtschafts- und Sozialpolitik unserer Partei durchsetzen, und wenn wir dabei nie aus dem Auge verlieren, daß Ideen und Einsatzbereitschaft der Bürger das goldene Kapital einer Stadt sind.“